St. Georg 05/2018: Die ganz alltägliche Gewalt

Kennen Sie das? Eine Reithalle irgendwo in Deutschland, 19 Uhr, acht Pferde auf 20 mal 40 Metern. Und ein Reiter, der meint, er könnte sein guckiges Pferd mit Gewalt durch die furchteinflößende Ecke drücken. Beim ersten Mal wird das Wegspringen noch mit einem energischen Tritt in die Rippen samt Sporenstich quittiert. Bei der nächsten Annäherung drängt das Pferd schon vorher zur Seite. Reaktion Reiter: Pferd anschreien, beide Sporen in die Rippen. Mittlerweile sind auch die anderen Pferde schon reichlich angespannt ob des omnipräsenten schlechten Karmas in der Luft. An ruhiges Arbeiten ist nicht mehr zu denken. Bei keinem der Anwesenden. Oder so: Besitzer ist mit Pferd überfordert und bittet den Bereiter, in den Sattel zu steigen. Der will gleich klarstellen, wer „Chef“ ist: Gegenhalten, Sporen rein, Gerte. Das Pferd wehrt sich und steigt. Der Reiter versucht, sich durchzusetzen. Ausgang ungewiss. Manche Pferde kapitulieren. Andere wehren sich nur um so renitenter. Partnerschaft zwischen Mensch und Tier sieht anders aus.

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Konsequenz, Fairness und Pferdeverstand

Solche und ähnliche Szenen spielen sich in vielen Reitställen in Deutschland mit unschöner Regelmäßigkeit ab. Sicherlich, so, wie man in einer zwischenmenschlichen Beziehung mal ungerecht ist, kann sich wohl kaum jemand davon freisprechen, auch auf dem Pferd mal nicht so gehandelt zu haben, wie er es eigentlich hätte tun sollen. Aber zielführend ist das nicht. Im Gegenteil: Um bei dem eingangs geschilderten Beispiel zu bleiben: Das Pferd versteht nicht, dass der Reiter es bestraft hat, weil es in der Ecke geguckt hat. Es versteht: „Uiuiui, diese Ecke war schon vorher unheimlich. Und dann wird mir da auch noch wehgetan, da gehe ich mal besser gar nicht mehr hin!“ Die richtige Reaktion des Reiters wäre gewesen, das Wegspringen zu ignorieren und jeden mutigen Schritt des Pferdes in Richtung der „gefährlichen“ Ecke zu belohnen. Konsequenz ist unabdingbar im Umgang mit Pferden. Aber sie muss fair bleiben. und unemotional. Und von Pferdeverstand geprägt. Kein Reiter sollte aus blinder Wut sein Pferd strafen. Wenn wir nicht bereit sind, uns zu fragen, warum das Pferd sich verhält, wie es sich verhält, sollten wir uns lieber einen Tennisschläger zulegen. Oder ein Fahrrad. Die verzeihen es eher, wenn man den eigenen Frust mal an ihnen abarbeitet.

Jeden Tag etwas dazulernen

Wir reden nicht von Reitern, die dem Pferd aus Unwissenheit Unrecht tun. Die meisten wollen das richtige. Aber es ist ein wahrer Satz: Gewalt beginnt, wo Wissen endet. Also muss am Wissen gearbeitet werden. Gemeint ist in diesem Fall die Kenntnis von den Prinzipien der klassischen Reitkunst und auch Gutteil an Pferdeverstand. Manchmal wird aber auch wider bessern Wissens – warum auch immer – zu Methoden gegriffen, die am Ende immer kontraproduktiv sind. Niemand ist perfekt. Aber wenn wir es mit Pferden zu tun haben, sollte es das Ziel sein, sich jeden Tag ein bisschen mehr Wissen anzueignen und sich immer wieder zu fragen, warum das Pferd anders reagiert als es sollte. Denn Pferde agieren in den seltensten Fällen aus Boshaftigkeit. Vielmehr reagieren sie auf uns, auf die Umwelt, auf Schmerzen, auf traumatische Erlebnisse usw. Fangen wir an, pferdisch zu denken und hören wir auf, die erste Lösung (Druck, Zwang, Gewalt) als die besten zu betrachten.

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