Es genügt nicht, kurz vor dem Einreiten ins Viereck noch schnell ein Zuckerstückchen ins Maul zu schieben. Das ist schlicht Selbstbetrug, argumentiert Uwe Spenlen, Ausbilder und ehemaliger FEI-Grand-Prix-Richter: „Selbst auf Vorbereitungsplätzen geschieht das zwar immer wieder. Leider entlarvt und betrügt sich der Reiter damit nur selbst und erreicht keine zufriedene und ehrliche Maultätigkeit. Gefühlvolle halbe Paraden sind besser und richtiger.“

Erste Voraussetzung für eine gute Maultätigkeit ist u. a. ein passendes Gebiss, egal ob aus Metall oder Kunststoff, nicht zu breit, nicht zu schmal. Leider machten sich viele Reiter recht wenig Gedanken über die Notwendigkeit und Aussagekraft einer guten Maultätigkeit. Denn Pferde seien im Maul sehr unterschiedlich veranlagt und mit breitem oder schmalem Unterkiefer, großer oder schmaler Zunge, besonders auch mit großer oder kleiner Maulspalte ausgestattet. Zehn Pferde hätten in diesem Fall eben auch zehn unterschiedliche Mäuler.

Mindestens ebenso wichtig wie die Beachtung der anatomischen Vorgaben seien jedoch auch die reiterlichen Fähigkeiten. „Der Reiter sollte sich bemühen, mit einem von den Bewegungen des Pferdes unabhängigen, losgelassenen Sitz und treibenden Hilfen, einer weichen Hand und nachgebendem Ellbogengelenk die Anlehnung zu finden. Wer zum Treiben kommt, kommt zum Reiten.“

Ein starres Hand- und Ellbogengelenk und der davon ausgehende Druck und Zwang sind dem Pferd sehr unangenehm. Unabdingbar wichtig für jedes Gebiss und jede Zäumung ist die Handhabe, wie es gehalten und geführt wird. Druck erzeugt bekanntlich Gegendruck. Mit Riegeln und Ziehen könne die Zunge und die Maultätigkeit nicht angeregt werden. Nur eine zufriedene, nicht schmerzende Zunge regt die Tätigkeit der Ohrspeicheldrüse an. Und diese wiederum erzeugt letztendlich den Schaum.

Das Wichtigste für ein zufrieden kauendes Pferd sind die gefühlvollen halben Paraden. Das Pferd muss die halben Paraden annehmen, der Reiter muss nachgeben. Das wüssten eigentlich alle. „Annehmen hat noch kein Reiter vergessen, das Nachgeben scheint das Problem zu sein“, meint Spenlen und erklärt es noch mal: „Anfangs kann das Nachgeben ruhig etwas deutlicher ausfallen, damit das Pferd die halben Paraden auch versteht. Das heißt, so oft wie erforderlich, etwa alle fünf bis acht Sekunden. Aber niemals taktmäßig.“

Der Reiter sollte ein Gefühl entwickeln für das richtige Maß des Nachgebens: „Im Schritt etwas häufiger, die Nickbewegung zulassend, im Trab und Galopp etwas weniger.“ Ausdrücklich aber warnt er vor einem springenden Zügel. Rucken, Zucken oder Riegeln mit einer starren Hand erzeugt nur unangenehmen Druck auf die Zunge.

Ein Pferd, dem mit harter Hand die Maultätigkeit „abgewöhnt“ wurde, braucht einige Zeit, bis es wieder Vertrauen zur Reiterhand finden kann, meint Uwe Spenlen. „Auch ein gefühlvoller Reiter braucht fünf bis sechs Wochen, um die Ohrspeicheldrüse wieder anzuregen.“

Eigentlich sollten ja die Gewichts- und Schenkelhilfen 70 bis 80 Prozent der Hilfengebung ausmachen, Zügelhilfen nur etwa 20 bis 30 Prozent. „Aber die Wirklichkeit sieht oft umgekehrt aus“, weiß der erfahrene Ausbilder und Richter. Die Zügelhilfen dominieren. Die Folge daraus ist dann ein trockenes, totes Maul. Dressurrichter sollten in ihren Protokollen grundsätzlich den Hinweis auf „gute Maultätigkeit“, „wenig Maultätigkeit“ oder „offenes Maul“ nicht auslassen.

Verschlimmert würde dieser Zustand durch zu eng und zu fest verschnallte Nasenriemen. „Der Nasenriemen muss an der richtigen Stelle in der richtigen Weite verschnallt sein. Der Reiter soll zwar das Maul kontrollieren können, aber nicht so stramm und zugesperrt, dass das Pferd nicht mehr entspannt atmen kann. Zu diesem Punkt machen sowohl die Richtlinien der LPO als auch die internationalen Regeln der FEI klare Aussagen. Und auch zwischen Nasenriemen und dem Jochbein sollten zwei Finger passen“, stellt Uwe Spenlen klar. „Sonst kommt es beim Pferd an dieser Stelle zu schmerzhaften und störenden Scheuerungen.“

Übrigens, führt Uwe Spenlen schmunzelnd an, auf diese Fakten, Erfahrungen und Erkenntnisse sei er schon vor mehr als 50 Jahren an der Westfälischen Reit- und Fahrschule bei Paul Stecken, damals noch Münster, Steinfurter Straße, hingewiesen worden und sie hätten nach wie vor Bestand.

Oktober 2026