St. Georg 02/2021: Wie artgerecht leben unsere Pferde?

Dr. Christiane Müller ist öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Pferdehaltung, -zucht und -sport und war an der Verfassung der Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen beteiligt. Wir haben uns mit ihr zum Gespräch getroffen.

 

Xenophon: Die Leitlinien für Pferdehaltungen sind ja nun gut zehn Jahre alt. Sind sie noch aktuell?
Dr. Christiane Müller: Die Leitlinien spiegeln den Stand des Wissens zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung wieder und berücksichtigen neue Untersuchungen und Erkenntnisse. Zwar haben sie keinen bindenden Gesetzescharakter, dennoch dienen sie dem Gesetzgeber als Orientierung. Dementsprechend werden die Leitlinien vor Gericht als Grundlage herangezogen. Mindestens ebenso wichtig ist aber, dass sie jedem, der Pferde hält, als Basis zur Eigenkontrolle dienen.

Die Pferdehaltung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Die Leitlinien beschreiben die vier (für die Haltung) wichtigsten Funktionskreise des Verhaltens von Pferden – Sozialkontakte, Bewegung, Ruhe, Futterund Wasseraufnahme – und leiten daraus die Anforderungen für jede Haltungsform ab. Nehmen wir das Beispiel Bewegung im Winter. Die Leitlinien fordern, dass Pferde „nicht dauerhaft“ im Matsch stehen dürfen. Dauerhaft bedeutet 24 Stunden. Einige Stunden auf matschigem Untergrund draußen sind aber besser, als 23 Stunden im Stall zu stehen.

Immer wieder höre ich, dass die Pferde sich ja im Auslauf gar nicht bewegen. Dann könnte man sie ja auch gleich in der Box stehen lassen. Doch „freie Bewegung“ ist nicht gleichzusetzen mit Laufen lassen und scheuchen in der Halle. Gefordert ist bei „freier Bewegung“, dass die Pferde selbst bestimmen können, was sie tun möchten. Das kann dösen sein, die Umgebung beobachten, Außenklima genießen oder aber auch Spielen.

X: Und wie beurteilen Sie die Umsetzung der Leitlinien?
CM: Nicht alle Ställe haben genügend Flächen, um ganzjährig täglich freie Bewegung anbieten zu können, und Ausläufe mit Naturböden sind vor allem im Winter meistens nicht geeignet. Zudem geht es nicht allein um die Bedürfnisse der Pferde. Neben dem Tierschutzgesetz sind auch die Anforderungen von Baurecht und Umweltschutz zu beachten. Alles zusammen sorgt dafür, dass viele Stallbetreiber nicht immer so können, wie sie wollen. Dass die Pferdehaltung dennoch viel besser geworden ist, liegt auch daran, dass Pferdebesitzer großen Wert auf eine artgerechte Unterbringung legen und dafür zu zahlen bereit sind. Das ist auch ein Anreiz für die Landwirte, auf Pferdehaltung umzustellen. Pferdehaltung ist Marktsegment. Angebote zur Fortbildung von Pferdehaltern sind sehr gefragt. Die Landwirte suchen den Input, und die Pferdebesitzer profitieren davon, wenn ihre Stallbetreiber ein Auge für Tiere haben.

X: Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
CM: Es gibt immer mehr Bewegungs-bzw. Offenlaufställe, was grundsätzlich zu begrüßen ist. Allerdings sind viele Konzepte nicht zu Ende gedacht. Wenn ein Offenlaufstall für jedes Pferd, also egal ob ranghoch oder -niedrig, funktionieren soll, braucht man mindestens 100 Quadratmeter Bewegungsplus zusätzliche Liegefläche für jedes Pferd.

Um Arbeitszeit zu sparen und weil es sauberer ist, sind viele Flächen befestigt. Wenn es hier keine ausreichende Tretschicht gibt, können die Pferde nicht die freie Bewegung ausüben. Auch die Wälzplätze sind oft zu klein. Und es fehlt an Strukturelementen, wie dicken Baumstämmen oder Zaunelementen, hinter denen die Pferde ausweichen oder Schutz suchen können.

X: Sehen Sie Unterschiede in der Pferdehaltung zwischen Freizeit-und Turnierreitern?
CM: Nein, nicht wirklich. Für jeden Reiter ist sein Pferd das Beste. Der Turnierreiter will ein gesundes Pferd und der Freizeitreiter ebenso. Es gibt Turnierpferde, die in Bewegungsställen stehen oder in einer guten Boxenhaltung, z. B. einer Außen-oder Paddockbox plus täglichem Auslauf mit Artgenossen. Beide Haltungsformen sind tiergerecht, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen. Hauptsache, die Pferde haben täglich genügend Bewegung – und die eben auch frei und ohne Reiter. Die meisten Defizite sehe ich im Freizeitbereich bei selbstgestrickten Lösungen bzw. den sogenannten extensiven Robustpferdehaltungen. Grundsätzlich muss man jede Pferdehaltung individuell betrachten.

Der Maßstab zur Beurteilung ist immer das Pferd. Wie sehen die Pferde aus und wie verhalten sie sich? Machen Sie einen zufriedenen, entspannten Eindruck? Sind alle gut genährt? Sind alle integriert, oder stehen einzelne Tiere abgesondert? Die wichtigste Leitlinie ist der Pferdeverstand vom Pferdehalter und Pferdebesitzer.

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